Zwischen den Stühlen

Veröffentlicht am 14. Juni 2026 um 09:16

Warum Heilung einsam machen kann (und warum das okay ist)

Ich teile mal wieder mein Gedankenkarussel mit euch! Wir leben in einer Welt, die süchtig nach der Oberfläche ist. Wir scrollen durch perfekt inszenierte Leben, tauschen beim Smalltalk die immer gleichen Floskeln aus und nicken höflich, während wir innerlich eigentlich ganz woanders sind. Lange Zeit habe ich in diesem System einfach mitgespielt. Ich habe funktioniert, meine Maske getragen und mich angepasst.

​Doch dann kam meine Heilungsphase. Jahre der intensiven Therapie, des Hinsehens und des Aufräumens in meinem eigenen Inneren.

​Heute stehe ich an einem ganz anderen Punkt:

  • ​Ich weiß zu 100 % %, was ich will.
  • ​Ich kann klare, gesunde Grenzen setzen.
  • ​Ich kommuniziere offen, ehrlich und ohne Spielchen.

​Man sollte meinen, dass das Leben dadurch einfacher wird, oder? Das Paradoxon ist: Es wird echter – aber es wird oft auch einsamer.

​Das Gefühl, an keinem Tisch mehr Platz zu haben

​Seit ich gelernt habe, hinter meine eigene Fassade zu blicken, ertrage ich die Fassaden anderer nur noch schwer. Und genau da liegt das Problem in unserer heutigen Gesellschaft. Sobald du anfängst, tiefgründig zu sein, Fragen zu stellen, die unter die Haut gehen, oder einfach nur radikal ehrlich zu sagen, was Sache ist, erntest du oft betretenes Schweigen.

​Ich merke immer öfter, dass ich mich frage: An welchen Tisch passe ich eigentlich noch?

  • Der Smalltalk-Tisch? Ermüdet mich nach fünf Minuten.
  • Der „Alles ist super“-Tisch? Fühlt sich fake an.
  • Der Läster- und Drama-Tisch? Da will ich meine Energie nicht mehr verschwenden.

​Es fühlt sich an, als würde man eine Sprache sprechen, die kaum noch jemand beherrscht. Die Welt ist schnelllebig und oberflächlich geworden. Niemand schaut mehr hin, niemand nimmt sich mehr die Zeit, wirklich deep hinter die Kulissen zu blicken.

​Wenn Ehrlichkeit zur Hürde wird

​Es erfordert Mut, authentisch zu sein. Wenn du keine Lust mehr hast auf das „Wie geht’s?“ – „Gut, und dir?“-Spiel, sondern ehrlich sagst: „Eigentlich hatte ich eine harte Woche, ich bin müde“, wissen viele Menschen gar nicht mehr, wie sie damit umgehen sollen. Wahre Tiefe überfordert eine Gesellschaft, die auf Schnelligkeit und Perfektion getrimmt ist.

​Aber weißt du was? Ich will meine Maske nicht mehr zurück.

​Die Einsamkeit, die man spürt, wenn man geheilt und echt ist, ist tausendmal wertvoller als die falsche Zugehörigkeit, die man fühlt, wenn man sich selbst verstellt.

 

​Mein Fazit: Lieber ein kleiner, echter Tisch als ein riesiger, falscher Saal

​Ja, es ist schwer. Es tut manchmal weh zu sehen, wie oberflächlich vieles läuft. Aber meine Heilung war nicht dafür da, damit ich mich am Ende wieder für andere verbiege.

​Vielleicht geht es gar nicht darum, einen Tisch zu finden, der schon da ist. Vielleicht geht es darum, meinen eigenen Tisch aufzustellen – und darauf zu warten, dass sich die Menschen dazusetzen, die ebenfalls genug von den Fassaden haben. Diejenigen, die hungrig nach echter Verbindung, nach Tiefgang und ehrlichen Worten sind. Sie sind selten, aber es gibt sie.

Hören ist nicht gleich Zuhören

​Mir ist das erst vor Kurzem wieder extrem aufgefallen, als ich in einer größeren Runde saß. Die Stimmen schwirrten durcheinander, es wurde geredet, gelacht, ausgetauscht. Oberflächlich betrachtet war es ein nettes Beisammensein. Aber als ich die Situation von außen beobachtete, wurde mir klar: Wir können alle miteinander reden. Ich kann mich mit jedem über das Wetter, den Job oder die Urlaubsplanung unterhalten. Aber das ist kein echtes Verstehen.

​Es gibt ein physikalisches Hören – das bloße Wahrnehmen von Geräuschen und Worten. Und es gibt das Zuhören und Verstehen. Das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe.

 

​Heute gibt es nur noch sehr wenige Menschen, bei denen ich das Gefühl habe: Die hören mir wirklich zu. Die schauen hinter meine Worte, die fühlen, was ich meine. Die meisten Menschen warten beim „Zuhören“ eigentlich nur darauf, dass sie selbst wieder an der Reihe sind zu reden, oder sie filtern deine Worte durch ihre eigenen Vorurteile. Sobald du aber anfängst, deine Gefühle – egal ob Wut, tiefe Trauer oder pure Liebe – direkt und ungefiltert auszusprechen, steigen die meisten geistig aus. Weil echte Emotionen sie überfordern. Weil sie verlernt haben, mit der Wahrheit umzugehen.

Der Spiegeleffekt: Warum meine Direktheit das Ego anderer triggert

​Seit meiner Heilungsphase kommuniziere ich ohne Weichspüler. Ich sage, was ist. Und ich habe gemerkt: Damit kommen viele nicht klar. Ich halte den Menschen unbewusst – und manchmal auch ganz bewusst – einen Spiegel vor.

​Wenn mich jemand etwas fragt, antworte ich nicht mit einer bequemen Lüge, um die Harmonie zu wahren. Manchmal tue ich damit indirekt weh. Ich sprühe Salz in die Wunde, drücke genau da rein, wo es wehtut. Das klingt im ersten Moment paradox oder vielleicht sogar hart. Aber die Wahrheit ist: Manchmal lernen wir Menschen nur durch Schmerz.

​Ich drücke nicht, um zu verletzen. Ich drücke, um das Ego des anderen zu triggern. Um den inneren Hunger nach Echtheit wieder zu erwecken, der unter all den gesellschaftlichen Fassaden begraben liegt. Wer sich durch meine Ehrlichkeit angegriffen fühlt, kämpft in diesem Moment nicht gegen mich – sondern gegen das, was mein Spiegel in ihm auslöst.

​Die Kunst, nicht mehr reinzupassen (und verdammt stolz darauf zu sein)

​Ja, die Grenzen, die ich heute setze, und die Oberflächlichkeit dieser Welt machen einsam. Man steht oft abseits. Man sitzt an Tischen und fühlt sich wie ein Alien, weil man das falsche Spiel nicht mehr mitspielen kann und will.

​Aber ich habe gelernt, diese Einsamkeit als Auszeichnung zu sehen.

​Nicht mehr in diese oberflächliche Gesellschaft reinzupassen, ist kein Fehler im System. Es ist der Beweis, dass mein eigenes System wieder gesund ist. Es ist die Kunst, stolz darauf zu sein, unbequem zu sein. Stolz darauf zu sein, dass ich den Mut habe, mein wahres Gesicht zu zeigen, während andere noch Angst haben, ihre Maske abzunehmen.

 

​Ich passe nicht mehr rein. Und das ist das Beste, was mir je passieren konnte.

In Liebe Jen 🤍

 


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